Unsere Sonderseite anlässlich des 200. Geburtstages von Louis Braille
Über Louis Braille Das Alphabet Beiträge
Louis Braille, der Erfinder der Blindenschrift wurde am 04. Januar 1809 in Coupvray, bei Paris geboren. Im Alter von 5 Jahren erblindete er vollständig, an den Folgen eines Unfalls und einer nachfolgenden Infektion. Er besuchte zunächst die Dorfschule seines Heimatortes und ab 1819 das Pariser Blindeninstitut. Louis Braille war ein aufmerksamer und fleißiger Schüler mit einer großen musikalischen Begabung.
Im Alter von nur 16 Jahren erfand Louis Braille sein geniales Alphabet, welches aus 6 Punkten und 64 Kombinationen bestand. Hieraus entwickelte er 1828 die Notenschrift.
Sein leider viel zu kurzes Leben endete am 09. Januar 1852, in Folge einer Tuberkuloseerkrankung. Er selbst erfuhr aber noch 1850 die Einführung seines Schriftsystems in Frankreich und er erhielt auf dem Sterbebett die höchste staatliche Auszeichnung Frankreichs, den Orden der Ehrenlegion. Den weltweiten Siegeszug seiner Blindenschrift erlebte er aber nicht mehr. Erst 1878 auf einem Blindenlehrerkongress wurde Louis Brailles Schriftsystem weltweit anerkannt und 1879 auch in Deutschland eingeführt.
Das deutsche Blindenschrift – Alphabet
- aufbauend auf dem System von Louis Braille -
Die Blindenschrift-Zeichen werden aus einem Raster von 6 Punkten gebildet. Diese Punkte werden von 1 bis 6 durchnummeriert. Die Punkte 1 bis 3 stehen auf der linken Seite und die Punkte 4 bis 6 auf der rechten Seite; jeweils übereinander.
1 OO 4
2 OO 5
3 OO 6
Grundform
Das Alphabet ist in mehrere "Gruppen" aufgeteilt, die aus jeweils zehn Zeichen (auch Formen genannt) bestehen. Zusätzlich gibt es Zahlzeichen und vereinfachte Zeichen für häufig vorkommende Buchstabenkombinationen, sowie Satzzeichen. Da fast alle Buchstaben und Zeichen durch Variation der ersten Reihe von zehn Buchstaben gebildet werden, vereinfacht sich das Erlernen neuer Buchstaben.
Aus historischen Gründen steht das w in der Blindenschrift außer der Reihe hinter den Umlauten.
Im Folgenden wird ein gesetzter Braillepunkt
durch das Zeichen * repräsentiert.
Beispiel: Der Buchstabe c wird mit den Punkten 1 und 4 dargestellt.
Gruppe 1
1 OO 4 *O *O ** ** *O ** ** *O O* O*
2 OO 5 OO *O OO O* O* *O ** ** *O **
3 OO 6 OO OO OO OO OO OO OO OO OO OO
Grund- a b c d e f g h i j
form
Gruppe 2: zu Gruppe 1 jeweils Punkt 3 hinzugefügt
1 OO 4 *O *O ** ** *O ** ** *O O* O*
2 OO 5 OO *O OO O* O* *O ** ** *O **
3 *O 6 *O *O *O *O *O *O *O *O *O *O
Grund- k l m n o p q r s t
form
Gruppe 3: zu Gruppe 1 jeweils Punkt 3 + 6 hinzugefügt
1 OO 4 *O *O ** ** *O O* O*
2 OO 5 OO *O OO O* O* *O **
3 ** 6 ** ** ** ** ** ** **
Grund- u v x y z ß st
form
Gruppe 4: zu Gruppe 1 jeweils Punkt 6 hinzugefügt
1 OO 4 *O *O ** ** *O *O O* O*
2 OO 5 OO *O OO O* O* ** *O **
3 O* 6 O* O* O* O* O* O* O* O*
Grund- au eu ei ch sch ü ö w
form
Abweichende Bildungen für Sonderzeichen
O* O* O* O* O* OO OO OO
OO O* OO O* OO OO OO OO
*O *O ** ** O* *O ** O*
äu ä ie Zahl- Großbuch- . - ,
zeichen(*) stabe (**)
(*) d.H., das direkt folgende Wort ist als Zahl zu lesen.
(**) d.H., der nächste Buchstabe ist groß geschrieben.
Satzzeichen: die Zeichen der Gruppe 1 sind heruntergesetzt
OO OO OO OO OO OO OO OO OO
*O *O ** *O ** ** *O O* O*
OO *O OO O* *O ** ** *O **
, ; : ? ! () " * "
Zahlenbeispiele
Die Zahlen werden durch die O* *O O* *O O* *O *O ** **
Buchstaben a bis j mit vorange- O* OO O* *O O* OO ** ** *O
gestelltem Zahlenzeichen ** OO ** OO ** OO OO OO OO
gebildet. 1 2 1 8 7 6
Dr. Gabriele Wahl: „Mein Weg zu den Punkten“
Lesen der Brailleschrift (Foto Wandkowsky)
Mein Weg zu den Punkten
Als ich im März 2000 aufgrund einer Netzhauteinblutung von einer Minute zur anderen nur noch verschwommen sehen und nur mit Mühe auch bei Vergrößerung lesen konnte, musste ich vieles neu lernen oder anders als gewohnt machen. Dabei war es für mich besonders schmerzlich, die ich Bücher zum täglichen Leben brauchte, nicht mehr selbst lesen zu können. Zwar wurde ich schnell Stammleser der Hörbücherei in Leipzig, doch war das vorgelesene Buch für mich kein wirklicher Ersatz für das selber lesen. Ich wusste, dass es eine Schrift für Blinde gab, die mit den Fingern gelesen werden konnte, aber ich war über 40! Kann man so etwas in dem Alter noch lernen?
2005 fasste ich mir dann doch ein Herz und saß im Februar in der ersten Woche des Punktschriftkurses in Boltenhagen, der mich fortan bis zum Ende des Jahres begleiten sollte. Mein Kopf Begriff schnell das geniale und doch einfache System, wie sich aus den Punkten Buchstaben ergeben. Aber der Finger kam zunächst überhaupt nicht mit den Krümeln auf dem Papier klar. Hätte ich zu Hause im stillen Kämmerlein probiert, ich hätte wohl spätestens nach zwei Tagen die Fibel in die Ecke geworfen und nie wieder angefasst. Aber wir waren zu sechst und da es den anderen Teilnehmern ähnlich erging, war geteiltes Leid halbes Leid. Und plötzlich zum Ende der ersten Woche wurde aus dem Rätselraten ein leises Ahnen, was die Punkte unter den Fingern zu bedeuten hatten. Trotzdem kämpfte ich das ganze Jahr wie eine 48-jährige ABC Schützin um jeden Buchstaben und darum aus diesem ein Wort zu bilden. Am Ende eines der schwierigsten Lehrjahre meines Lebens hielt ich das Zertifikat in den Händen. Die erste große Hürde war genommen. Nun hieß es am Ball bleiben. Ich bin zwar noch immer keine schnelle Punktschriftleserin, doch die netten Männer vom DHL klingeln recht regelmäßig an meiner Tür, um mir einen oder mehrere schwarze Koffer aus Leipzig zu überreichen, in denen meine bestellten Punktschriftbücher liegen. Auf langen Bahnfahrten begleitet mich nach wie vor immer noch das bequeme Hörbuch. Doch ist es für mich das größere Vergnügen wie früher einen Buchdeckel zu öffnen und heute von Punkt zu Punkt und von Zeile zu Zeile eine unbekannte Geschichte zu entdecken.
Aus Ursula Bambergs Bericht: „Punktschriftkurse“
Offenes Lesesystem mit Braillezeile, elektrische Punktschriftmaschine, Kalender in Braille
(Foto Wandkowsky)
Punktschriftkurse
Ein Anstoß bewirkte den Beginn.
Im Sommer 2002 erhielten wir einen Hilferuf einer jungen Frau mit dem Inhalt, dass sie nach einer Erblindung gar nicht mehr lesen könne und die uns fragte: „Was soll ich nur machen?“
Eines unserer Vereinsmitglieder ergriff die Initiative. Das „Lehrerkollegium“, bestehend aus 3 Leuten unseres Vereins, wurde zusammengetrommelt und eine „Schule“, unser Haus „Seeschlösschen“ in Boltenhagen wurden organisiert. Die passenden Fibeln konnten bei der Deutschen Zentralbücherei zu Leipzig bestellt werden. Es dauerte nicht lange und schon trafen sich Lehrer und Schüler zum ersten Punktschriftkurs.
Seit dem werden im Haus „Seeschlösschen“ regelmäßig, jährliche Punktschriftkurse durchgeführt. Die Zahl der Schüler ist stetig gewachsen. Das beweist, wie wichtig für blinde oder stark sehgeschädigte Menschen die Brailleschrift ist. In unseren Punktschriftkursen wird die Voll- sowie Kurzschrift vermittelt. Unsere Punktschriftlehrer haben im Laufe der Jahre eigene Texte geschrieben, die dem jeweiligen Wissenstand der Teilnehmer angepasst sind, vielfältige Methoden entwickelt, um die Merkfähigkeit zu unterstützen und Lerngemeinschaften gefördert.
Wissenswertes:
Die Punktschrift hat sich im Laufe der Jahre, nach Louis Brailles genialer Erfindung (6 Punkte in 64 Kombinationen darzustellen) und seiner Blindennotenschrift weiterentwickelt. So gibt es heute Computerbraille, eine Mathematikschrift, eine Chemieschrift sowie die Stenografie. Für die Stenografie wurde ein 7 und 8 Punktesystem entwickelt. Computerbraille wird ebenfalls in 8 Punkten dargestellt und somit ergeben sich 256 Kombinationen.
Blinden oder stark sehgeschädigten Menschen ist es dadurch möglich, sich endlich wieder in einer Schriftform auszudrücken. Weiterhin können Bücher, Zeitschriften und vieles mehr wieder selbst gelesen werden. Auch im Haushalt findet die Brailleschrift viele Anwendungsmöglichkeiten. So ist es einmal die Braillezeile. Weiterhin werden z. B. CD-Hüllen, Kassetten, Lebensmittelpackungen und Konservendosen beschriftet, um deren Inhalte zu kennen und auseinander zu halten. Notizen, Einkaufszettel, Telefonnummern können schnell gefertigt werden und vieles mehr.
Zum Schreiben der Punktschrift steht neben der Punktschriftmaschine und der Stenomaschine noch die Tafel und der Griffel zur Verfügung.
Ebenso ermöglicht die Blindenschrift vielen betroffenen Menschen einen neuen Einstieg in das Berufsleben oder macht die weitere Ausübung ihres Berufes erst möglich.
Ursula Krause: „Oskar Picht“
Blindenlehrer mit Leib und Seele Oskar Picht
Geboren am 27.05.1871 in Pasewalk Gestorben am 15.08.1945 in Potsdam
Oskar Picht ist ein Sohn der Stadt Pasewalk das Gymnasium der Stadt trägt seinen Namen. Er selbst erhielt von 1886 bis 1891 eine fundierte pädagogische Ausbildung.
Oskar Picht arbeitete als Lehrer in verschiedenen Orten und an verschiedenen Schulen. Bald interessierte ihn das Schicksal blinder und sehbehinderter Menschen. Er wählte den Beruf eines Blindenlehrers. Nach 2-jährigerAusbildung an der Blindenschule in Berlin - Steglitz erhielt er dort auch eine Anstellung als Blindenlehrer. In seiner 36-jährigen Tätigkeit (er wurde 1933 pensioniert) bemühte sich Oskar Picht intensiv das Schicksal blinder und sehbehinderter Menschen zu verbessern.
In seiner Person stand den Schülern ein Lehrer, Betreuer und Techniker zur Verfügung. Die Brailleschrift wurde zu Beginn seiner Tätigkeit als Blindenlehrer mit Tafel und Stichel, Punkt für Punkt geschrieben.
Viele Menschen bemühten sich in dieser Zeit den Blinden und Sehbehinderten die Arbeitsgänge im und für den Unterricht zu erleichtern.
Hierbei kamen Oskar Picht seine technische Gewandtheit und das pädagogische Verständnis für seine blinden und sehbehinderten Schüler zugute. Er fertigte viele Hilfsmittel die den Schülern ihre Arbeit im Unterricht erleichterten. Durch die mühselige Schreibtechnik der Brailleschrift gab es auch an der Steglitzer Schule keine nennenswerte Bibliothek in Blindenschrift.
Schriftliche Arbeitsmaterialien wurden in mühevoller Handarbeit mit Stichel und Tafel angefertigt.
1899 entwickelte Oskar Picht das Modell einer Blindenschreibmaschine.
Dieses Modell ermöglichte durch seine sechs Tasten eine optimale Schreibweise der Brailleschrift.
Viele freiwillige Helfer übertrugen mit seinen Maschinen ehrenamtlich Schwarzschrift Bücher in die Blindenschrift.
Betrug der Bestand der Blindenschrift Bücher 1899 etwa 1000 Bände so war die Bibliothek dank vieler freiwilliger Helfer 1912 auf 12000 Bände angewachsen.
1907 erhielt die mehrfach verbesserte Punktschriftmaschine die volle Anerkennung der Fachwelt und wurde in Venedig bei der Schreibmaschinen Messe mit dem höchsten Preis, der Goldmedaille ausgezeichnet. Oskar Picht und die Punktschriftmaschine erlangten Weltruhm.
Die Dankbarkeit der Blinden und Sehbehinderten Menschen zeigte sich in vielen persönlichen Schreiben an den Erfinder. Auszeichnungen und Ehrungen erreichten ihn aus der ganzen Welt. Mit der Entwicklung der Pichtmaschine entstand ein neuer Ausbildungsberuf, der des Stenotypist/inen. Welch` ein Glück, das Oskar Picht Blindenlehrer wurde und nicht Ingenieur.
In der Folge eine Aufstellung der Maschinen, die Oskar Picht entwickelt hat:
Doppelschriftmaschine für erhabene Punkt- und geperlte Lateinschrift (1907).Stenogrammaschine für 6 Punkte (Blindenschrift auf Streifenpapier ) (1910). Stenogrammaschine für 8 Punkte (erweiterte Blindenschrift) auf Streifenpapier (1932). Drillingsmaschine für erhabene Blindenpunktschrift zur gleichzeitigen Anfertigung von 3 bis 6 Blättern (1924).
Verständigungsapparat für Taubstummenblinde in Schul- und Taschenformat (1908).